100 Jahre Stadtrecht
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100 Jahre Stadtrecht

100 Jahre Stadtrecht Klingenthal – Das muss gefeiert werden!

Im Jahr 2019 feiert Klingenthal das Jubiläum „100 Jahre Stadtrecht“. Seit dem 17. Jahrhundert hatten Einwohner der Siedlung darum gekämpft, den Status einer Stadt zu erhalten. Am 1.Oktober 1919 wurde der „Marktflecken“ Klingenthal schließlich zur Stadt erhoben.

Bürgermeister Thomas Hennig hat für das Jahr 2019 deshalb das Ziel ausgelobt,
100 Veranstaltungen unter dieses Motto zu stellen. Das ist garantiert keine Schwierigkeit, denn der Veranstaltungskalender ist voll von stimmungsvollen Sportereignissen und kulturellen Höhepunkten.

Die Stadt Klingenthal unterstützt bewusst seit vielen Jahren Vereine und weitere Veranstalter finanziell und mit Sachleistungen. Sie alle sind nun aufgerufen, das
100-jährige Jubiläum öffentlich auf Plakaten, Einladungen und sonstigen Publikationen weiterzutragen. Hier gibt es das Logo zum Download:

Logo 100 Jahre Stadtrecht

Für die allgemeine Organisation des Jubiläumsjahres hat die Stadt Klingenthal eigens eine Arbeitsgruppe unter Federführung von Bürgermeister Thomas Hennig gebildet, der außerdem Stadträtin Judith Sandner als Vorsitzende des Ausschusses Bildung, Kultur, Jugend, Soziales & Sport sowie verantwortliche Mitarbeiter der Stadtverwaltung angehören.

Das Stadtfest (21.-23-6.), Konzerte des Akkordeonorchester Klingenthal (1.6.), des Stadtorchesters Klingenthal (13.10.) sowie eine Festveranstaltung sollen ebenfalls im Zeichen des 100-jährigen Jubiläums stehen. Von spannenden Geschichten aus und um das Rathaus der Stadt Klingenthal wird ein Sonderheft aus dem „Aschberger Land“ erzählen, welches im Frühsommer erscheint.

Eine Sonderausstellung im Musik- und Wintersportmuseum Klingenthal wird unter anderem auch Originaldokumente zur Stadtrechtserhebung und Fotografien zeigen. Diese wird pünktlich zum Tag des offenen Denkmals am 8. September 2019 eröffnet. Dann öffnen Rathaus, Bauamt und Museum zu einem Tag der offenen Tür mit Möglichkeit für die Besucher einen Blick in die Verwaltungsabläufe und die Besonderheiten der Gebäude zu werfen.

Außerdem wird das städtische Musik- und Wintersportmuseum Klingenthal anlässlich des Jubiläums ein neues Buch zur Stadtgeschichte herausgeben, welches im Spätherbst erscheinen wird. Der Band wird sich jenseits historischer Chronologie mit gewichtigen Themen zur Stadtrechtserhebung beschäftigen, welche sich vor dem Hintergrund neuerer deutscher Geschichte entweder erfolgreich fortentwickelten oder bereits als Idee scheiterten und Jahrzehnte später in abgewandelter Form im Heute doch gegenwärtig sind.

Das Sachgebiet Kultur und Tourismus wird an dieser Stelle in mehrteiliger Reihe über Themen und Veranstaltungen zum Jubiläum informieren. Alle Veranstaltungen sind auch im Veranstaltungskalender der Stadt vermerkt. (XB)

Dies ist ganz im Sinne der Stadtgeschichte, welche bis heute eng mit einer mehr als 300jährigen Tradition des Musikinstrumentenbaus verbunden ist: Bereits drei ernsthafte Versuche gingen der Erhebung zur Stadt voran. Der erste Versuch 1656-1660 galt der Befreiung von den „Boxbergischen Gerichten“. Der Chronist Arthur Müller berichtet darüber so:

 „Die Veranlassung hierzu war damals -1656- gegenüber dem Lehn- und Gerichtsherrn Georg Bernhardt von Boxberg auf Klingenthal der drückenden Ableistung von Frondiensten und der Entrichtung von Naturalleistungen sowie der ungerechten und barbarischen Handhabung der Gerichtsbarkeit sich zu entziehen.“ Einziger Ausweg: Die Einwohner hätten sich ihrer Frondienste durch den Kauf des Gutes befreien können, doch dazu  fehlte es den Untertanen und damit auch der Gemeinde an finanziellen Mitteln, wie auch Chronist Kurt Erich Dörfel vermutete.

Auf Grund der in Sachsen erfolgten Reorganisation des Gemeindewesens sah der Klingenthaler Gemeinderat 1874 erneut eine Möglichkeit, durch die Annahme „der Städteordnung für mittlere und kleinere Städte“ für Klingenthal die Stadtgerechtigkeit zu erbitten. Doch das zuständige Ministerium des Innern hegte Bedenken. Der Versuch schlug fehl.

1895-1897 erfolgte ein dritter und letzter erfolgloser Versuch, die Stadtgerechtigkeit zu erlangen. Laut dem Chronisten Kurt Erich Dörfel gaben die Gemeinderäte als Begründung für den Antrag die weitere Zunahme der Bevölkerung, die wachsende Musikinstrumentenfertigung mit der Entstehung von größeren Industriebetrieben und die allgemein gute Geschäftslage an. Zudem verfügte Klingenthal über eine umfangreiche, dem Bürgerlichen entsprechende Infrastruktur mit Amtsgericht, Postamt und Zollverwaltung, sowie Schulen, einer zentralen Verkehrsanbindungen und sogar einer Wasserleitung. Uneinigkeiten im Gemeinderat ließen die Petition erst 1897 in Dresden eintreffen. Doch abermals erfolgte eine Ablehnung.

Am 20. Dezember 1917 fasste der Gemeinderat den einstimmigen Beschluss, ein weiteres Gesuch für die Einführung der Revidierten Städteordnung für Klingenthal einzureichen. Diesmal mit Erfolg: Klingenthal erhielt ab 1. Oktober 1919 Stadtrecht.

Dabei spielten Klingenthal die turbulenten Jahre der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und die daraus resultierende staatliche Neuordnung in die Hände. Zum ersten Bürgermeister wurde der bisherige Gemeindevorsteher Dr. Ungethüm gewählt. Dieser gab das Amt schon 1922 wieder ab. Über die Neuwahlen berichtet Chronist Dörfel: „Auf die Ausschreibung des Bürgermeisterpostens meldeten sich nur 13 Bewerber (…)“. Die Betonung liegt hierbei auf „nur“. Den damaligen turbulenten und vor allem uneinigen politischen Zeiten geschuldet, waren dem Chronisten zufolge also nur „wenige“ Bewerber angetreten. Gewählt wurde schließlich der Sozialdemokrat Dr. Buchwald, welcher die Wahl jedoch nicht annahm. Erneut musste die Stelle ausgeschrieben werden und diesmal meldeten sich 65 (!) Bewerber. Am 16. Januar 1923 wurde schließlich Schuldirektor und Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Zimmermann zum Bürgermeister der Stadt Klingenthal gewählt. Dieser stand bereits damals für eine selbstbewusste Entwicklung der Stadt ein und entwarf ein Konzept, dass Klingenthal bis auf die Größe der heutigen Gegenwart – von Zwota bis zum Aschberggebiet/ Mühlleithen – anwachsen lassen sollte.

Von diesen und weiteren spannenden Geschichten aus und um das Rathaus der Stadt Klingenthal wird unter anderem auch eine Sonderausstellung im Musik- und Wintersportmuseum Klingenthal erzählen, welche im Spätsommer stattfindet. Außerdem wird das städtische Museum anlässlich des Jubiläums ein neues Buch herausgeben. Das Stadtfest, Konzerte Klingenthaler Orchester sowie eine Festveranstaltung sollen ebenfalls im Zeichen des 100-jährigen Jubiläums stehen. (XB)

Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Stadtrecht“ erscheinen aus dem Sachgebiet Kultur und Tourismus der Stadt Klingenthal in loser Abfolge auch historische Streiflichter aus der Zeit rund um die Stadtrechtserhebung und das heutige Stadtgebiet. Diesmal:

Gegen die Verunstaltung von Stadt und Land

Anschlussgebühren, Genehmigungsverfahren und Paragrafen sind längst keine baurechtlichen Belange der Neuzeit

Vor nunmehr 110 Jahren, am 10. März 1909 Jahren trat im Königreich Sachsen das Gesetz „gegen die Verunstaltung von Stadt und Land“ in Kraft, an das sich auch die „Ortsbauordnung für die Gemeinden Georgenthal mit Steindöbra und Aschberg“ anlehnte. Obwohl die damals eigenständige Gemeinde genauso wie Klingenthal selbst noch kein Stadtrecht hatte, war von der Gemeinde auch die Revidierte Städteverordnung Sachsens angenommen worden und damit auch die Verpflichtung, die Bebauung vor Ort weitestgehend zu regeln und die Bewohner per Verordnung in die Pflicht zu nehmen. Nicht zuletzt hatte auch Klingenthal bei seinen letzteren Anträgen zum Stadtrecht auch dieses Argument einer geltenden Städteverordnung in die Waagschale geworfen. Was dies für die Bewohner im Detail bedeuten konnte, zeigt das Beispiel der „Ortsbauordnung für die Gemeinde Georgenthal mit Steindöbra und Aschberg“ welche noch kurz vor Ende des 1. Weltkrieges zu Zeiten des Königreiches Sachsen in Kraft trat und neben Straßen- und Wegebau auch Hausgrößen, Geschosshöhen und Einfriedungen bestimmte.

Im Paragraph 2 des Gesetzes „gegen die Verunstaltung von Stadt und Land“ war Folgendes geregelt: „Die baupolizeiliche Genehmigung zur Ausführung von Bauten und baulichen Änderungen kann versagt werden, wenn durch die Bauausführung ein Bauwerk oder dessen Umgebung oder das Straßen- oder das Ortsbild oder das Landschaftsbild verunstaltet werden würde. (…)“

In insgesamt 37 Paragrafen plus Anhang war dabei zuallererst der Straßen- und Wegebau geregelt: Für Straßen sah die Bauordnung eine „Schotteroberfläche“ und für Fußsteige eine „starke Sanddecke“ vor. Straßen, welche mindestens sieben Meter von der Bauflucht Abstand hatten, sollten von Baumpflanzungen gesäumt werden. Auch ein Schleusensystem zur Entwässerung der Straßen war Ziel der Bauordnung. Doch nicht nur die Gemeinde selbst erlegte sich Bauauflagen, sondern auch die Grundstückeigentümer hatten Pflichten und wurden zusätzlich hierfür auch noch zur Kasse gebeten. Anschlussbeiträge oder Erschließungsgebühren sind längst keine neuzeitlichen Bürgerschrecken, sondern bedeuteten auch damals schon gesetzliche Zahlpflicht für die Einwohner:

Einerseits bestand laut Paragraf 5 eine „Verpflichtung zum Anschluss an die Schleusen. Bei bebauten Grundstücken“ andererseits regelte Paragraf 10 dann die „Umlegung des Aufwandes“ auf die Einwohner. Vorhandene Senk- und Sammelgruben durften im Falle eines Anschlusses an das öffentliche Netz nicht mehr genutzt werden. Zwei Drittel der Kosten sollte der Grundstückseigentümer, ein Drittel die Gemeinde tragen. Berechnungsgrundlage war die Länge des Grundstücks längsseits der Straße. Handelte es sich um ein Grundstück an einer Straße ohne Schleusen, so war der Bau von Sammelgruben ausdrücklich vorgeschrieben. Eine bloße Entwässerung etwa in die „grüne Wiese“ war untersagt.

Das alles galt allerdings nur für Regenwasser von Dächern und anderen bebauten Flächen. Eine Kanalisation für Fäkalien sah die Ortsbebauungsordnung nicht vor. Hierfür waren Sammelgruben zu nutzen. Insbesondere in bäuerlich geprägten Häusern wurden zudem noch blanke Eimer in Viehställen genutzt, deren Inhalt genauso wie der der Sammelgruben regelmäßig auf die Flächen verteilt wurde.

Auch war der Verbrauch von Wasser im Sanitärbereich um ein Vielfaches geringer als Heute: Badeanstalten oder das wöchentliche Aufstellen einer Zinkwanne für alle Familienmitglieder in der heimischen Küche verursachten nur wenig Brauchwasser. „Jedes Zimmer mit fließend Wasser“ war ein Luxus, den Hotels ausdrücklich in ihren Annoncen erwähnten. Beispielsweise warb so das Hotel „Brauner Hirsch“ im Stadtzentrum von Klingenthal. Gemeint war damit ein Waschbecken mit Hahn anstelle Schüssel und Wasserkanne. Doch das Plumpsklo war dort und auch in den Nachbargemeinden lange die vorherrschende Toilettenart, schließlich regelt auch die „Ortsbauordnung für die Gemeinde Georgenthal mit Steindöbra und Aschberg“: „Spülaborte sind (…) ausgeschlossen.“

Dass Regenwasser von Dächern auf sandigen Fußsteigen oder nur mit Schotter bedeckten Straßen regelmäßig für erhebliche Schäden gesorgt hätte, bleibt sicher eine berechtigte Erklärung für die Anschlusspflicht der Grundstückseigentümer. Zeitgeist war es aber auch, dass es selbstverständlich war, Sammelgrubeninhalte samst menschlicher Fäkalien auf Felder und Brachflächen zu verteilen. Einzige Bedingung laut Bauordnung hier: Der Nachbar sollte sich dadurch „nicht belästigt fühlen“. Und an dieser Stelle wurde das Regenwasser wieder Mittel zum Zweck: Bei Vorhersage von Regenfällen hofften die Einwohner auf schnelleres Versickern gegen die Geruchsbelästigung…(XB)

Klingenthal Hauptstrasse
Bild 1: Mitten im Stadtzentrum Klingenthal: Städtische Bebauung mit nahezu geschlossenen Häuserreihen, Einfriedungen und Baumreihen an der Hauptstraße (jetzt Schloßstraße). Links hinter dem Kaufhaus „Merkur“ befinden sich heute Touristinfo und Musik- und Wintersportmuseum.

Glassentrempel
Bild 2: Ortsrandlage Untersachsenberg, Glaßentrempel: Feste Häuser wie am linken Rand zeigen auch hier den wirtschaftlichen Fortschritt, dennoch ist der Gesamteindruck immer noch ländlicher Natur. Gelaufen ist die hier abgebildete Postkarte im Jahr 1915.

 
 
 
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