Donnerstag 20:20 Uhr: die letzte Sitzung mit den Ortsfeuerwehren 2025 ist geschafft. Nach vier Tagen in Folge mit Terminen nach der Arbeit freue ich mich auf zu Hause und einen etwas ruhigeren Wochenausklang. Eine Minute später sitze ich im Auto und will auf die Straße abbiegen, als mein Funkmeldeempfänger die Feierabendstimmung lautstark beendet. "TH0 Amtshilfe-Personensuche" steht auf dem Melder. "Schon wieder? Scheiße, schon ganz schön spät und kalt." sind meine ersten Gedanken während ich den Rückwärtsgang einlege. Kurze Nachricht an die Freundin - eine Betthälfte bleibt erstmal leer heute. Mein erster Stellvertreter läuft zügig zum Gerätehaus zurück und wir schlüpfen in unsere Einsatzklamotten. Auch mein zweiter Stellvertreter steht mittlerweile in der Umkleide. Kurze Absprache: er soll schon mal die Einsatzzentrale in der Talstraße vorbereiten. Ich nehme auf dem Beifahrersitz im Kommandowagen Platz. Auf der Fahrt stelle ich schon mal ein Funkgerät auf die gemeinsame Rufgruppe mit der Polizei und überlege welche Ortsfeuerwehren ich dann alarmieren lasse- alle verfügbaren Feuerwehrleute kann ich nicht in den Wald schicken, strategische Reserven und so... Am Pflegeheim angekommen stehen die ersten zwei Polizisten, Angehörige und Mitarbeiter. Wir bekommen genauere Infos: 87 Jahre, männlich, nicht ausreichend bekleidet für 1°C und seit 16:30 Uhr abgängig, nicht mehr besonders gut zu Fuß. Ich mache dem leitenden Polizisten folgenden Alarmierungsvorschlag: etwa 30 Feuerwehrleute, die Bergwacht mit Quads und die Johanniter mit Drohne. Passt? Passt. Kurzes Telefonat mit der Leitstelle, zwei Minuten darauf bestätigt mein Melder die Alarmierung der Ortsfeuerwehren Klingenthal und Zwota. Ich plane mit der Polizei die nächsten Schritte: das aufwachsende Polizeiaufgebot beginnt mit der Suche im Gebäude und wir leuchten das Umfeld aus und kontrollieren das Gelände in der direkten Umgebung. Der Bereitstellungsraum am Sportplatz füllt sich, mein Führungsassistent verteilt die ersten Einsatzaufträge. Die Einsatzzentrale meldet ihre Einsatzbereitschaft und beginnt mit dem Zeichnen einer Lagekarte und der Einsatzdokumentation. Der Pressesprecher kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit im Home-Office. Die Zahnräder greifen ineinander. Aus meinen beiden Funkgeräten dröhnen immer mehr Anfragen und Informationen. Die Drehleiter hat mittlerweile das Gelände ausgeleuchtet und wir suchen das Gelände ab. Inzwischen ist auch die Bergwacht Klingenthal/Aschberg gemeinsam mit der Horska Služba eingetroffen, viele bekannte Gesichter. "Dein Namensgedächtnis ist echt Mist" geht es mir durch den Kopf. Ich spreche mich mit dem Gruppenführer ab: Kontrolle der Haupt- und Nebenwege Richtung Kottenheide. Mit ihren Quads und Jeeps kann diesen Job keiner besser erledigen. Ich habe die Idee auf Google Earth die Suchgebiete einzuzeichnen, um es den Gruppenführern besser zu visualisieren- das Apple iPad macht mir einen Strich durch diese Rechnung. Während wir das Suchgebiet auf die anliegenden Gartenanlagen ausweiten, trifft die Drohnengruppe der Johanniter Plauen ein. Sie sollen den Bereich Jägerlift mit der Wärmebildkamera kontrollieren- da sie das bereits vor 14 Tagen getan haben bleiben keine weiteren Fragen. 22:35 Uhr: alle Kräfte haben gerade eine Aufgabe, also nutze ich die Zeit für eine Lagemeldung an die Leitstelle Zwickau und bespreche mit der Polizei das weitere Vorgehen. Der Akkustand meines Telefons sinkt schneller als die Temperatur. Der Fährtensuchhund hatte keinen Erfolg, aber der Polizeihubschrauber ist jetzt im Anflug aus Dresden. Meine Feuerwehrleute bilden mittlerweile eine Menschenkette mit der Polizei und durchkämmen den Wald oberhalb des Sportplatzes. 23:15 Uhr: der Hubschrauber ist gleich da, also landet die Drohne und alle sollen sich ab sofort nicht einzeln im Gelände bewegen. Man hört den Hubschrauber, aber man sieht ihn nicht. Der Nebel ist mittlerweile zu dicht, nach 5 Minuten dreht er wieder ab. Mist. Wir dehnen das Suchgebiet weiter aus: Meiselteich, Parkplätze, Garagen und Wäscheplätze im oberen Neubaugebiet. Ich statte der Drohnengruppe einen Besuch ab. Beeindruckende Technik, die aktuell leider nur einen Fuchs im Wald aufgespürt hat. Wir Quatschen kurz, die Motivation ist weiter hoch. Die tschechische Bergwacht hat mittlerweile zwei Flächensuchhunde organisiert- darüber sind weder ich noch die Polizei wirklich böse- sie durchstreifen das Waldstück Richtung Meiselteich und oberhalb des Pflegeheims. Ich schreibe meinen Chef eine Nachricht damit ich morgen später auf Arbeit komme - zum Glück ist auch er einer der vielen verständnisvollen Arbeitgeber. Wieder am Bereitstellungsraum blicke ich in müde und betrübte Gesichter. Die Hoffnung schwindet. Nach einigem inneren Ringen erteile ich meinen Leuten einen letzten Befehl: " Suche zwischen unterem Kopernikusring und Dürrenbachstraße, dann Einsatzende." Mehr können wir als Feuerwehr hier nicht mehr machen. Scheiß Gefühl. Ich verständige mich mit der Bergwacht ein Quad und den Rettungswagen vor Ort zu lassen, bis die Hunde und die Drohne ihre Suche abgeschlossen haben. Die Feuerwehrfahrzeuge verlassen den Bereitstellungsraum, während die Bergwacht auf das Eintreffen ihrer Quads wartet. Um 00:48 Uhr entdeckt der Drohnenpilot 12 rote Pixel am Bildrand. Er stoppt den autonomen Flug der Drohne und fliegt zum Objekt. Jetzt ist es eindeutig: eine liegende Person, welche sich bewegt. Abseits jeder Wege im Nirgendwo hinter dem Jägerlift. Der folgende Funkspruch der Johanniter löst mehr Chaos aus, als es mir als Einsatzleiter Feuerwehr eigentlich lieb ist. Polizei, Feuerwehr und Bergwacht eilen in die Jägerstraße. Ich entschließe mich, mir bei der Drohnengruppe einen Überblick zu verschaffen und von dort bei Bedarf alles zu dirigieren. Als ich ankomme hat der Pilot ein breites Grinsen im Gesicht, es gibt erstmal einen High Five. Der Zugang zum Patienten ist schwierig, obwohl nicht weit weg des Klausenbachweges. Die Einsatzkräfte stecken bis zu den Knien im Morast und versorgen den Patienten bis zum Eintreffen des Notarztes. Die Drohne steht als Fixstern über der Einsatzstelle und leuchtet den Weg aus. Die Bergwacht kann den Patienten nach notärztlicher Behandlung erfolgreich zum Rettungswagen transportieren. Alle sind erschöpft aber glücklich. Gegen 02:15 Uhr bekommen die Johanniter und die Bergwacht noch eine gratis Fahrzeugwäsche am Depot in der Talstraße. Nach einer kurzen Auswertung mit den Führungskräften mache ich mich auf den Heimweg. Als ich gegen 3 Uhr ins Bett falle, sind die Johanniter noch nicht zu Hause in Plauen und wahrscheinlich auch die Bergwacht noch mit Restarbeiten in ihrem Stützpunkt beschäftigt. Ich lasse den Einsatz im Kopf nochmal Revue passieren und schlafe irgendwann ein. Am nächsten Vormittag ruft mich die Tochter des Patienten an. Er ist wieder wohl auf und nur noch zur Beobachtung im Krankenhaus.
Mit diesem sehr persönlichen Einsatzbericht möchte ich mich bei allen Einsatzkräften für ihre tolle Arbeit bedanken.
Georg Hille
Stadtwehrleiter
Wer die Arbeit von Bergwacht und der Johanniter unterstützen will, kann dies übrigens auch mit einer Spende tun:
www.drk-klingenthal.de
www.johanniter.de
Viel mehr freuen sich die Hilfsorganisationen aber über dein persönliches Engagement in ihren Reihen. Es lohnt sich.