Folge 18
Schicksalsgemeinschaft: Erst durch familiäre Tragödien fanden das Ehepaar Emil und Helene Zießler und Heinz Kern zusammen.
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Folge 18

Stadtgeschichte(n) Folge 18:

Krieg und Frieden

Wie der russische Schriftsteller Lew Tolstoi in seiner weltberühmten Trilogie aus der Zeit der napoleonischen Kriege eine Familiensaga beschrieb, so ist auch die Geschichte, die sich um die Menschen, wohnhaft im Haus Am Amtsberg Nr. 1 in Klingenthal rankt, eine ebenfalls von der Weltgeschichte bestimmte. Jene begann zwar rund 100 Jahre später, ist aber nicht weniger dramatisch:

Im Jahr 2007 trat die Stadt Klingenthal das Erbe des Malermeisters Heinz Kern an. Er hatte testamentarisch verfügt, dass sein gesamter Nachlass samt Haus dem Musik- und Wintersportmuseum zu Gute kommen soll. Das geschah überraschend, denn Heinz Kern hatte seine Absicht zu Lebzeiten nicht öffentlich gemacht. Doch erhaltene Unterlagen machen eine nachträgliche Erklärung durchaus möglich.

Bis 1928 befand sich das Haus am Fuße des Amtsberges in Besitz der Familie Kleider. Kaufmann Carl Ernst Louis Kleider verkaufte es schließlich an Gustav Emil Zießler, den späteren Ziehvater von Heinz Kern. Zießler selbst wurde 1888 als drittes von insgesamt 6 Söhnen des Eisenbahnschaffners Gustav Louis Zießler geboren. Der Vater starb bereits 1890, die Mutter 1901. Daraufhin fand er Aufnahme bei seinem Vormund, dem Saitenfabrikant Rudolf Meisel und erlernte den Beruf eines Malers. Der Erste Weltkrieg brachte weiteren Tod in die Familie. Drei seiner Brüder fielen, Emil Zießler selbst überlebte als Soldat an der Westfront. Emil Zießler heiratete und er und seine Ehefrau Helene wurden 1923 Eltern eines Sohnes, genannt Rudolf. Knapp zwei Jahrzehnte führte die kleine Familie ein Leben in Frieden, bis im Sommer 1942 Rudolf Zießler den Einberufungsbefehl erhielt und der Zweite Weltkrieg auch in das Haus am Amtsberg erneutes Leid brachte. Noch am 31.Oktober 1942 hatte der Soldat einen Feldpostbrief aus Russland an die Eltern geschrieben, bat um Zusendung von warmen Pullovern und Wollsocken und berichtet von dem massiven Beschuss durch die Rote Armee. Nur zwei Tage später war der Sohn der Zießlers tot. Gerade 19-jährig fiel Rudolf Zießler am 2. November 1942 während der Kämpfe um Stalingrad. Die Eltern erfuhren erst am 25. Oktober 1943 vom Schicksal ihres Kindes, erhielten ihre eigenen, bereits nach dem Tod an den Sohn verfassten Briefe als „vom Truppenteil zurückgegeben“.

Zum Ende dieses Krieges trat Heinz Kern in die Geschichte des Hauses am Amtsberg ein. 1937 in Aulowönen, Kreis Insterburg/ Ostpreußen geboren, flüchtete er im Januar 1945 gemeinsam mit seiner Familie vor der Ostfront in Richtung Westen, kam schließlich allein nach Klingenthal und erhielt beim Ehepaar Zießler ein neues Zuhause. Heinz Kern fand seine leibliche Familie niemals wieder. Suchanfragen beim Roten Kreuz blieben erfolglos. Nur ein einziges Mal, in den 1980er Jahren meldete sich die Vergangenheit zurück: Das polnische Kindermädchen, welches Heinz und seine zwei Jahre ältere Schwester Helga einst in Ostpreußen betreute, hatte ihn ausfindig gemacht. Maßgeblich dabei war, dass Heinz Kern seinen Namen nie geändert hatte. Die Zießlers behandelten ihn zwar wie ihren eigenen Sohn, doch auf eine rechtlich durchaus mögliche Namensänderung wurde verzichtet, weil diese dem Ziehkind vermutlich die letzte Chance genommen hätte doch noch Familienmitglieder aus Ostpreußen wiederzufinden. Nur zu gut wussten die Pflegeeltern selbst, welch tiefe Wunden der Verlust in menschliche Biografien reißen konnte. Heinz Kern leistete seinerseits als junger Mann ebenfalls Dienst beim Militär, doch diesmal wenigstens blieb ein vernichtender Krieg aus.

Museen bewahren Quellen der Geschichte und dies könnte durchaus ein Grund dafür sein, warum Heinz Kern ausdrücklich genauso einen Ort der bleibenden Erinnerung für seinen eigenen Nachlass wählte. Sämtliche dieser Unterlagen, welche diese Geschichte von Krieg und Frieden erzählen, sind heute Teil des Museumsarchivs. Das materielles Erbe Heinz Kerns wurde inzwischen gut angelegt, denn aus dem Barvermögen stammte der Eigenanteil für die Museumserweiterung 2018/19 und auch der lange verschollen geglaubte Innungspokal der Geigenmacherinnung wurde 2012 vom Geld des Kern-Erbes zurückgekauft. Das Haus erwarben Vertreter Klingenthals Partnerstadt und es beherbergt als „Casa di Castelfidardo“ regelmäßig Gäste und dient damit auch der Völkerverständigung. An dieser Stelle endet die Geschichte des Hauses Am Amtsberg Nr.1 nunmehr in Frieden.

Feldpostbriefe
Zwischen Himmel und Hölle: In Feldpostbriefen schrieb Rudolf Zießler von seiner Sehnsucht nach Zuhause und von der Vorahnung, dem Krieg an der Ostfront nicht lebend zu entkommen.

Heinz Kern
Heinz Kern

Riesenrad
Glänzender Kindertraum: Dieses Riesenrad hatte Emil Zießler einst für seinen Sohn Rudolf gebaut. Regelmäßig ist es zur Weihnachtsausstellung im Museum ausgestellt.

 

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