Folge 19
Reizüberflutung: Filzpantoffeln, Hustensaft und Küchenutensilien stapelten sich vom Fußboden bis zur Decke.
© Arciv Museum Klingenthal

Folge 19

Stadtgeschichte(n) Folge 19: Alles im Angebot

„Man fange sich eine Wacholderdrossel“….begann noch um 1900 so manches Rezept, das mit einem schmackhaften Mal aus einem wildlebenden Singvogel endete und Ornithologen in der Gegenwart wahrscheinlich aufs Ärgste empören würde. Auch im Klingenthaler Raum gehörte das Zubereiten der sogenannten Krammetsvögel zum Standard der Kochausbildung von Hausfrauen und Köchen: Zwar wurde das quälerische Fangen von Wacholderdrosseln mit Pferdehaarschlingen bereits 1908 gesetzlich verboten, doch findet sich auch in späteren Kochbüchern die Zubereitung der Vögel:

„Die Krammetsvögel werden gerupft, die Haut vom Kopf gezogen, gesengt, der Darm durch die Afteröffnung entfernt. Dann wäscht man die Vögel, sticht die Augen aus, schlägt die Krallen von den Füßen, biegt den Kopf über die Brust und steckt die Füße über Kreuz durch die Augenhöhlen. Die Vögel werden mit Salz und einigen gestoßenen Wacholderbeeren eingerieben. Hierauf macht man Butter in einer Pfanne hellbraun, etwa einen halben Esslöffel für eine Drossel, und bratet die Vögel unter häufigem Umwenden etwa in einer halben Stunde gar. Zur Sauce gießt man etwas Wasser hinzu. Die Vögel werden nicht ausgenommen. Man kann die Krammetsvögel auf gerösteten Semmelscheiben anrichten und Sauerkohl dazu geben.“ (Kochbuch 1911)

Denkt man an traditionelle einfache Klingenthaler Küche, dann waren Schwammebrei, Gebackene und Mehlgetzen damals als kostengünstige fleischlose Gerichte in aller Munde. Die Wacholderdrossel, wenn auch kostenlos weil wild gefangen, war wohl eher schon ein Sonntagsbraten.

Als am 15. Juli 1914 das Rathaus von Klingenthal feierlich eingeweiht wurde war eine edle Speisenfolge den geladenen Gästen serviert worden:

Als erstes wurde eine Königinsuppe (Hühnerbrühe mit Gemüseeinlagen) gereicht. Es folgten Kalbsrücken mit jungem Gemüse, Steinbutt mit Caviartunke sowie Mastgans mit eingekochten Früchten und Salat. Das Dessert bestand aus einer Käseschüssel (Quarkspeise).

Die vielzitierte „gut bürgerliche Küche“ von Gasthäusern im Raum Klingenthal unterschied sich im Alltag doch erheblich von diesem wohl aus gegebenem Anlasse luxuriösem Fünf-Gänge-Menü.

Doch längst waren die Einwohner des klingenden Tales zumindest an Feiertagen auch in Bezug auf ihre Ernährung auf dem Weg in die gehobene bürgerliche Gesellschaft. So werden „Privat-Kochstunden“ geboten, welche alles andere als von schnöden einseitigen Gerichten zeugen.
Und wer glaubt, das für die damalige Einwohnerschaft bewusste Ernährung ein Fremdwort war, der irrt: An Ostern warb die Apotheke Klingenthal mit „giftfreien Eierfarben“' und Pöhland's Gemüsehandlung mit echtem Bauernquark. Regionale Angebote überwogen zwar noch, doch hatte längst auch in das Angebot der Lebensmittelhandlungen im geografisch abgelegenen Klingenthal die Globalisierung Einzug gehalten:
Russische Sardinen, Caviar, Südfrüchte und holländische und Schweizer Käsespezialitäten wurden ebenso geboten wie Pommersche Vollbücklinge oder Mineralwasser aus Böhmen.

Auch um Pfingsten war der Anzeigenteil des „Wochenblatt für Klingenthal und Umgebung“ voll von Anzeigen über Fleischangebote: „Prima Rindfleisch, guter Winterschinken, Cervelatwurst und frisches Kalbfleisch.“ Eine der beliebtesten Speisen der Zeit um 1900 waren wohl Innereien: „Saures Geschling“ wird in jeder Ausgabe der Klingenthaler Zeitung von nahezu jeder Gastwirtschaft beworben. Ebenso groß und werbewirksam wie die Speisenauswahl war wohl auch die Getränkekarte. „Feine Biere“ und „Feinste Biere“ aus Klingenthals privaten Brauereien wurden ausgeschenkt. Wer beim abendlichen Tanzvergnügen zu tief ins Glas geschaut hatte, konnte am nächsten Tag immer noch fette Heringe kaufen, um den Kater zu vertreiben. Für zu Gierige residierte im Hotel „Brauner Hirsch“ ein Zahntechniker namens Paul Winter mit einem „Atelier für künstliche Zähne und Gebisse“. Mahlzeit!

Anzeigen
Anzeigen aus der Klingenthaler Zeitung der 1890er Jahre zeigen, dass es auch in den zahlreichen kleinen Länden im Klingenden Tal alles gab, was das Verbraucherherz begehrte.

 

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