Folge 7
Die „Allgemeine Moden-Zeitung“ erschien bereits 1798 erstmals in Leipzig. Die Mode des zweiten Rokoko war wenig alltagstauglich.

Folge 7

Mode schreibt Geschichte

Die älteste Innung Klingenthals ist nicht etwa die in den vergangenen Jahren so oft erwähnte Geigenmacherinnung, sondern die Innung der Schneider und Schumacher, welche bereits am 2. September 1706 gegründet wurde. Klingenthal ist nicht nur in Bezug auf den Musikinstrumentenbau eine Stadt von Welt, sondern schrieb auch in Sachen Mode eine lange Geschichte:

Das Musik- und Wintersportmuseum besitzt einige Bildquellen, welche auch von sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zeitströmungen berichten. Modezeitschriften gibt es bereits seit Jahrhunderten. Schon 1798 erschien in Leipzig erstmals die „Allgemeine Modezeitung“. Im Fundus des Museums befinden sich daraus zwei Kupferstiche aus der Zeit des 2. Rokoko um 1860, als überweite Röcke mit Eisenbändern und –gestellen aufgepolstert, darüber ein kurzer Mantel (Mantille) getragen und die Köpfe mit sogenannten „Capots“ (frz. für Kapuze) behütet wurden. Es versteht sich von selbst, dass diese Mode nur den privilegierten Gesellschaftsschichten vorbehalten war, weil völlig untauglich für die Bewältigung eines arbeitsreichen Lebens auf dem Lande.

Geradezu befreiend erscheint da die Mode der 1920er Jahre mit weiten und damit alltagstauglichen Hängekleidern, die Taille wurde nicht mehr eng geschnürt sondern mit lockeren Bändern nur leicht gerafft. Längst verschwamm damit auch die äußerliche Unterscheidung von Gesellschaftsschichten anhand der Kleidung, lediglich Stoffqualität und Accessoires ließen Rückschlüsse auf die finanzielle Ausstattung ihrer Trägerinnen zu. „Pelz- und Hutlager“ gab es damals in Klingenthal ebenso zahlreich, wie Wäsche- und Schuhläden.

Dass auch die weibliche Bevölkerung in Klingenthal der Emanzipationsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zugetan war, beweisen Fotoaufnahmen. Selbstbewusst präsentieren sich junge Frauen mit weiten Kleidern, Pelzstolen und Perlenschmuck. Zunehmend strebten sie nach Gleichberechtigung, trugen gar Hosen und rauchten wie das männliche Geschlecht. Waren es in den 1920er Jahren überwiegend weiche, helle und pastellige Farben, welche die Frauen bevorzugten, gingen Modebewussten der 1970er wesentlich auffälliger durchs Leben. Die Modezeitschrift „PRAMO“ zeigt in ihrer Ausgabe vom Oktober 1971 Vorschläge vor dem Hintergrund Klingenthaler Ortsansichten. Das Aschberggebiet wurde zur Kulisse für elegante Herbstmode. Dabei erschien die Modezeitung nicht nur auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, sondern auch in Österreich und Ungarn. Das modische Design konnte sich in Wien oder Budapest durchaus sehen lassen, das handwerkliche Geschick mussten die Frauen für das Schneidern der Schnittvorlagen allerdings selbst mitbringen.

Kaum denkbar, dass die Frauen im Klingenden Tal jedem Modetrend der Geschichte nachgingen. Das aber muss nichts Negatives heißen, immerhin blieb dem weiblichen Geschlecht damit auch die Atemnot im engen Korsett oder das Herumstolpern in unbequemen Schuhen erspart. Und wenn doch der Wunsch nach einem modischen Kleidungsstück nicht durch Kauf oder eigenhändiges Nähen erfüllbar war, dann blieb immer noch der Gang zum Profi. Damen- und Herrenschneidereien gab es auch im Raum Klingenthal viele. Knöpfe, Hutschachteln und Kleiderbügel mit Aufschriften der Schneidereien bezeugen im Museumsfundus die Existenz. Noch in den 1960er und 1970er Jahren wurden beispielsweise in den Modewerkstätten von Erich Hoyer maßgeschneiderte Anzüge für den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht und weitere Mitglieder des Politbüros gefertigt. Aus Klingenthal wurden sie direkt nach Berlin geliefert… (XB)

Giers-Töchter
Emanzipiert um 1920: Im Dr. Giers-Haus schwelgten auch die Töchter des Sanitätsrats Dr. med. Otto Giers, Magarethe und Elisabeth zwischen Jugendstil und Art déco.

Dekadent
Dekadent: 1935 entstand dieses Foto in einem Haus auf dem Aschberg: Mit Hosenanzug und einer Zigarette in der Hand verkörpert diese junge Frau den genussreichen Verfall alter Wertvorstellungen.

Pramo 1
Pramo 2
En vogue: Das Klingende Tal als Kulisse für international salonfähige Mode in den 1970ern: Geschneidert werden mussten die schicken Kleidungsstücke aus der „PRAMO“ allerdings selbst.




 

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